Bogenschießen zu Hause trainieren
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Nach etwa zweieinhalb Jahre mit Bogenschießen als Hobby und Sport merkte ich, dass mir eine Option fehlt, auch zu Hause zu trainieren. Ein reguläres Training mit Autofahrt dauert mindestens drei Stunden; in der Wintersaison steht unsere Halle nur an bestimmten Tagen und Zeiten zur Verfügung; draußen ist es stark vom Wetter abhängig. Andere Schützen, die zu Hause trainieren, haben mehr Platz als ich. Eine Online Recherche, wie mit wenig Platz das funktionieren kann, ergab allerdings nichts brauchbares. Ich brauchte eine eigene Lösung. Im folgenden beschreibe ich, was ich gebaut habe und wie ich damit seitdem trainiere.
Der Plan
Als erstes habe ich mit meiner Frau unsere komplette Wohnung angeschaut. Es gibt zwar Stellen mit mehr Distanz, aber keine davon kam für ein Training mit Bogen und spitzen Pfeilen in Frage. Am Ende blieb als einzige Option unser Schlafzimmer. Mit einem Ziel an einer Wand, während ich zwischen Bett und Kleiderschrank steht, mit kaum zwei Meter Abstand zum Ziel. Zur Sicherheit bleibt die Zimmertür geschlossen, solange ich trainiere, oder abgeschlossen, falls Gäste im Haus sind.
Um sicher zu sein, dass diese Stelle überhaupt fürs Training geeignet ist, wollte ich erstmal meinen Plan austesten. Dazu holte ich mir eine ausrangierte Schaumstoff-Scheibe von meinem Verein, balancierte diese auf einem großen Pappkarton (gefährlich, besonders für meine Pfeile) und schoss drei Pfeile rein. Das funktionierte gut genug, allerdings wurde auch klar, dass ich eine bessere Scheibe brauche, die nicht wesentlich dicker sein dürfte, aber die Pfeile besser stoppen muss. Zum einen durch die kurze Entfernung, zum anderen dadurch, dass die Scheibe sehr nah an der Wand sein muss, damit der Platz reicht.
Mir war bekannt, dass es drei verschiedene Materialien für Zielscheiben gibt: Komprimiertes Stroh, solide Schaumstoff-Blöcke und komprimierte Schichten aus dünnem Schaumstoff (Lamellenscheiben). Ich wollte kein Stroh und habe keine Schaumstoff-Scheiben gefunden, die stark genug sind. Allerdings hatte ich gutes über Lamellenscheiben gelesen und gehört. Ein Händler meines Vertrauens, bei dem ich auch Komponenten für Pfeile bestellt hatte, bestätigte auf Nachfrage meine Wahl.
Diese Art von Zielscheibe braucht einen Rahmen, um die Schaumstoff-Lagen zusammen zu halten. Das wurde zu einem wichtigen Teil meines Plans:

Nach einigem Austausch mit Freunden und anderen Bogenschützen kam ich auf eine relativ simple Lösung, um die Scheibe an der Wand zu befestigen: Vier Winkel, mit denen man eigentlich ein Regal baut, an die Wand schrauben, und die Scheibe dazwischen schieben. Dann mit Holzschrauben durch die Winkel in den Rahmen das ganze fixieren.
Ich wollte auch einen ultimativen Schutz für die Wand dahinter, im Bogensport genannt “Backstop”. Irgendwann würden Pfeile durchgehen und sollten dann nicht direkt in der Wand landen. Der Backstop wiederum sollte mich dann darauf aufmerksam machen, dass ich die Scheibe reparieren oder austauschen muss.
Die Umsetzung
Um den Plan in die Tat umzusetzen, habe ich eine 90x90x30cm Lamellenscheibe bei arrowforge.de bestellt. Die restlichen Teile habe ich bei einem Baumarkt gekauft. Für den Backstop habe ich mir dort eine 15mm dicke Spanplatte in derselben Größe wie die Scheibe zuschneiden lassen. Dann habe ich mir noch einen Bohrhammer von Nachbarn geliehen.
Als erstes habe ich geprüft, ob es Kabel in der Wand geben könnte. Davon ausgehend, dass sie in der Regel nur vertikal und horizontal von Steckdosen aus verlegt sind, schien es dort kein Risiko zu geben. Ich habe zunächste die alte Schaumstoff-Scheibe benutzt, um die Lamellescheibe an der richtigen Höhe zu positionieren und zu markieren, wo ich bohren musste.

Acht Löcher mit Dübeln später konnte ich die Winkel festschrauben. Dann den Backstop dort rein stellen und die Scheibe davor, mit Holzschrauben befestigt. Zwischen das Backstop-Brett und die Scheibe habe ich auch noch eine alte Decke gelegt, damit es noch etwas Abstand und vielleicht etwas Lärmdämpfung gibt.



Für die Lamellenscheibe habe ich 200 € bezahlt, dazu etwa 40 € für die restlichen Teile, also ingesamt 240 €.
Die Praxis
Generall bin ich zufrieden mit dieser Lösung. Ich kann meinen Schußablauf und meine Ausdauer trainieren. Wenn ich kleine Kreise auf Pappe oder alten Auflagen an die Scheibe hängen, kann ich auch mit Zielen trainieren.

Mit der Zeit haben sich ein paar Probleme ergeben, mit denen ich umgehen musste:
- Mein Bogen ist groß und stark genug, dass es beim Schießen in so einem kleinen Raum ganz schön laut ist. Ich verwende jetzt immer Gehörschutz.
- Das Schlafzimmer ist zwar 2,50m hoch, aber bei meiner Größe mit einem 70 Zoll Bogen ist das nicht genug. Mit dem oberen Wurfarm habe ich die Tapete an der Decke angekratzt und einen Rauchmelder getroffen. Ich habe das umgangen, indem ich nur bis zu einer halbwegs sicheren Höhe auf der Scheibe ziele und mit einem Stück Pappe an der Decke (Bild siehe weiter unten) die Tapete schütze.
- Mein Sohn schläft tief und fest, aber kann nicht einschlafen, wenn ich nebenan trainiere. Ich muss also warten, bis er wirklich schläft, was mir eher zu spät fürs Training wird, oder früh genug anfangen.
- Da ich nicht die komplette 90x90cm Fläche als Ziel nutzen kann, schieße ich oft auf einen eher kleinen Bereich. Nach etwa vier Monaten ging dann der erste Pfeil komplett bis zum Backstop durch (immerhin gut hörbar!), was schneller ging als erwartet. Danach habe ich erstmal die Scheibe auf den Kopf gedreht. Hinten-nach-Vorne drehen ginge auch, aber bringt vermutlich weniger. Irgendwann kann ich das ganze öffnen und die unbeschädigten Schichten oben und unten in die Mitte verlegen. Und dann ein Kit mit Ersatz-Lamellen kaufen.

Das ganze Setup ist kein Ersatz für Training auf Wettkampf-relevanten Distanzen (18m+), aber als Ergänzung ist es gut, wenn ich nicht raus oder in die Halle kann.
Ich beantworte gerne Fragen dazu!
